Ausstellung in der Galerie Hirtengasse 8.8. – 5.9.2010: Sechs Künstler bezogen Position zum (Mann-)Sein – aus ganz verschiedenen Perspektiven. Was treibt ihn an, den Mann? Muss er tun, was er tun muss?
Lässt sich eine Reflexion über Männerwelten und Männerphantasien mit künstlerischen Mitteln darstellen – und ist das überhaupt beabsichtigt? Ist es wünschenswert? Und wie ist die Rolle des Betrachters dabei?
Dies sind Fragen, denen die Galerie Hirtengasse in ihrer ersten Themenausstellung nachgehen möchte. Die Ergebnisse der – durchaus subjektiven – Suche liefern folgende Künstler:

Georg Baier, Aurachtal (Zeichnung)

Georg Baier
Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Malerei und Zeichnung, er zeichnet mit allem, womit man Zeichen setzen kann: Mit dem Zeichenstift, mit Farbe, und mit Elementen der Collage. Baiers Markenzeichen sind hintersinnige und skurrile Beobachtungen aus dem Alltag und boshafte Momentaufnahmen.
“Mir haltn zam” – das ist der Titel einer Serie, von der er hier in der Galerie einige Arbeiten zeigt. Diese vermitteln genau das, was Männerbünde und Seilschaften aus-macht, Der Betrachter bzw. die Betrachterin fühlt sich wie jemand, der am Bierzelt lauscht, oder an einen anderen Ort geraten ist, wo weder Fremde noch Frauen so richtig willkommen sind.

Frank-Daniel Beilker, Nürnberg (Angewandte Kunst / Textil)

Frank-Daniel Beilker
Wenn wir Frank-Daniel Beilker nicht zufällig entdeckt hätten während der Ausstellungs-vorbereitung, hätten wir ihn fast erfinden müssen: Ein männlicher Künstler, der häkelt, und zwar vorwiegend voluminöse Pin-Up Girls, die in ihrer Üppigkeit und hrer Lebens-freude an die Nanas von Niki de Saint Phalle erinnern.
Beilker spielt mit dem Kontrast zwischen den Posen seiner Models und dem grundsol-iden, eher biederen Material, – dem Stoff, aus dem keine Träume, aber Topflappen gemacht sind oder Klorollen-Bezüge im Auto. Beilker ist “Der Häkelmann”, so wie er auch eine Ausstellung im Jahr 2009 betitelt hat.
Ist er also ein Frauenversteher, einer der die Frauen kennt? Zumindest einer, der sich mit einer eher frauentypischen Tätigkeit intensiv auseinandergesetzt hat im Hinblick auf ihre Verwendbarkeit in der Bildenden Kunst und der dabei einen eigenwilligen Weg beschritten hat.

Rubin Hirschbeck, Nürnberg (Malerei)

Rubin Hirschbeck
Bei Rubin Hirschbecks Arbeiten stehen die Beziehungen von Männern und Frauen im Mittelpunkt. Seine Figuren stellt er wie auf dem Seziertisch dar, mitleidlos und oft karikierend. Das Licht auf seinen Arbeiten ähnelt dem einer OP-Lampe. Die Figuren sind dem unerbittlichen Blick des Malers (und dem des Betrachters) ausgesetzt. Wie bei einem Rattenexperiment scheinen seine Figuren auf dem gleichmäßig ausgeleuchteten Untergrund planlos herum-zuwuseln.
Hirschbeck wählt seine Motive mit Selbstironie: Männer wirken prahlerisch und hohl, sie versagen in den wichtigsten Momenten komplett, sie verharren dämlich in albernen Posen oder unerträglichen Situationen, oder sie beobachten andere Figuren, die exakt dasselbe tun.
Da sieht man Männer, die angstvoll geduckt vor dem Objekt ihrer Begierde stehen, in vollem Bewusstsein ihrer Unterlegenheit vor Frauen, die eine Ausstrahlung haben wie Superwoman.
Der Mann, der zum Thema von Hirschbecks Malerei wird, der muss tapfer sein.

Manfred Hürlimann, Nürnberg (Malerei)

Auch bei Manfred Hürlimann tauchen Männer selten allein auf, sondern meist in Bezie-hung zu Frauen. Die Art dieser Beziehungen ist oft von Grausamkeit geprägt und von abgrundtiefer Fremdheit – da gibt es männliche Schreckens-visionen wie bei Dantes Inferno.
Frauen mit Accessoires wie Schwänzen, High Heels und Peitsche flanieren über einen männlichen Körper, der am Boden liegt. Sie tragen Strapse, sind in Mieder gezwängt, gestreckt und verzerrt schon ohne direkte Gewalt-anwendung. Da gibt es viel, ja fast ausschließlich Trennendes zwischen den Geschlechtern – auch oft formal durch eine strenge Aufteilung der Bildfläche.
Vielschichtige Gewaltphantasien kommen da zum Ausdruck.

Vor diesem Hintergrund kommt einem auch der “Flaneur” – eine Arbeit, die Hürlimann hier erstmals ausstellt – nicht mehr ganz geheuer vor: Auch hier
ahnt man die Frau, auf die der Flaneur Eindruck machen möchte und in der er sich spiegeln kann. Wie diese Frau aussehen würde und was er mit ihr anstellen würde oder sie mit ihm, liesse man die beiden allein, das bleibt den Phantasien der Betrachterinnen und Betrachter überlassen.

Gerhard Rießbeck, Nürnberg (Malerei)

Gerhard Rießbeck
Gerhard Rießbeck bewegt sich inhaltlich in einem Bereich, dem man(!) beson-ders schnell und eindeutig das Attribut “männlich” zuordnen würde: Dem Thema “Expedi-tionen ins Ungewisse”.

Rießbeck malt die letzten Exemplare männlichen Heldentums. Sie dringen in die Gebiete vor, in denen sich der Mann als solcher noch profilieren kann, z.B. als Polarfor-scher in der Antarktis, dort, wo die Aufgaben existenziell sind und daher klar verteilt, und wo jedermann weiss, was er zu tun hat.
Rießbecks Forscher treten vermummt auf, jeder für sich; in einer Welt, wo Männer unter sich sind und wo es zu kalt ist zum Reden; dort, wo Selbstrefle-xion oder Selbstzweifel nicht nur völlig unangesagt sind, sondern im schlimms-ten Fall vielleicht auch tödlich.

Claude Stockinger, Stuttgart, (Fundstücke und Objekte)

Claude Stockinger
verarbeitet Fundstücke, die er überall aufliest und zu kleineren und im Lauf der letzten Jahre immer größeren Objekten zusammensetzt.

Inhaltlich geht Stockinger unser Thema von einer anderen Warte aus an: “Rosa Winkel Rechter Winkel” heißt eines seiner Objekte, das die Erfahrungen von Homosexuellen in der “Stadt der Geschichte”, also Nürnberg, zum Gegenstand hat: Der rosa Winkel als Kennzeichen der Ausgrenzung Schwuler unter den Nazis. “Rosa Winkel Rechter Winkel” ist ein Objekt gewordenes, vieldeutiges Wortspiel, das zum einen andeutet, was damals Rechtens war und andererseits eine perfekte ZwangsAnpassung an eine rigide Umgebung visualisiert – der rechte Winkel als Zufluchtsort und Zwangsversteck ange-sichts der Vernichtung.

Zu einer weiteren Arbeit Stockingers:
Das, was den Mann umtreibt und was – in seiner sublimierten Form – im Lauf der Zeit zu geradezu mannigfaltigen Kulturerzeugnissen geführt hat (und immer noch führt), das hat Stockinger auf ein schlichtes Haushaltgerät reduziert: Ein Besenstiel mit Mini-Aufsatz, einem Angelhaken ähnlich, und damit durchaus nicht ungefährlich.

Text zu denKünstlern von Bettina Jaenicke aus der Begrüßungsrede zur Vernissage

Galerie Hirtengasse
Hirtengasse 3, 90443 Nürnberg

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